Pressestimmen  
   

2012 Südkurier (Truffaldino - Diener zweier Herren)

Einen Sinn für Raritäten hatte man bei der Kammeroper im Konstanzer Rathaushof schon immer. Zum 30jährigen Bestehen der sommerlichen Kulturinstitution hat sich deren Leiter Peter Bauer seine Rarität selbst gemacht: „Truffaldino- ein nie komponiertes Singspiel mit der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart“. Ausgegraben hat er dafür jene Nummern aus dem Köchelverzeichnis, die so gut wie nie gespielt werden, weil Mozart nie eine ganze Oper daraus komponiert hat. Ausgesucht hat er sich eine der genialsten Komödien der Theatergeschichte: Carlo Goldonis „Der Diener zweier Herren“
Mozart selbst hatte das Stück für ein Libretto einst auch im Blick…Nun haben die Konstanzer das Versäumte nachgeholt, italienische Commedia dell’arte und prächtige Mozartsche Musik zusammengepackt, durchgeschüttelt, umgetextet – und einen temporeichen, witzigen, musikalisch überaus reizvollen Opernabend daraus gemacht. Hätte er das sehen können, der Wolferl, ja, er hätte ganz sicher seine wahre Freude daran gehabt. Am Stück, am Text und an dem überwiegend jungen Ensemble, das voller Spielfreude agierte. Ja, und auch am Improvisationstalent aller Beteiligten… Denn die Jubiläums-Premiere war am Morgen noch ernstlich bedroht, da eine der Hauptdarstellerinnen, Meike Hartmann…von einem entzündeten Kehlkopf quasi mundtot gemacht wurde. … Das Ensemble hat sich selbst geholfen: Agnes Knoop, eigentlich in der Rolle der Smeraldina zu sehen, sprang kurzerhand und bravourös für die Arien der Kollegin ein, Regisseurin Tanja Weidner las die Dialoge und Hartmann selbst bewies im stummen Spiel auf der Bühne ein so ausgeprägtes pantomimisches Talent, dass der Premierenabend tatsächlich so ungetrübt verlief wie die traumhafte Sommernacht…
Der Koreaner Kap-Sung Ahn gibt den schlitzohrigen Diener Truffaldino … nicht nur mit wendigem Bariton, er beweist Sinn für Komödie und Wortwitz und beherrscht das beachtliche Tempo des Abends auch sprachlich…Und auch der Rest dieses jungen, frischen Ensembles zeigt, wie sehr ein Opernsänger unterdessen auch Schauspieler sein muss. Da sind die erfahrenen Bässe Damian Whiteley und Bernd Gebhardt, die als Pantalone und Dottore so herrlich lächerlich wie gesanglich souverän auftreten. Da sind die ganz jungen…: Anne Ganzenmüller mit glasklarem Sopran als Braut Beatrice, die Tenöre Dennis Marr als Silvio und Moritz Kallenberg als Florindo mit poetischen Momenten in der herrlich gesungenen Arie „Wär’s möglich…“ sowie die unverzichtbare Figur der Dienerin Smeraldina, gegeben von der besagten Agnes Knoop, die so recht in ihrem Element wirkt. Schauspieler Christian Wincierz gibt als Wirt Brighella den komödiantischen Rahmen.
Launig geht es auch im Orchestergraben zu, wo die Musiker der Kammeroper flink und transparent, fein akzentuiert und dynamisch bestens auf das Bühnengeschehen abgestimmt agieren. …Die Inszenierung von Tanja Weidner…packt das Spiel vor der sparsamen Stoffkulisse von Stefan Bleidorn in die Welt des prallen Straßentheaters voller Wortwitz und harmloser Frivolitäten. … Es ist eine Mords-Gaudi mit hervorragender Musik, die Peter Bauer den Konstanzern zum Jubiläum serviert. Wäre zu schade, wenn sie danach in den Archiven verschwinden würde…
Bettina Schröm

2013 Südkurier (I Pagliacci)

Wie stets bietet die Kammeroper im Rathaushof Konstanz in bester Festivaltradition kleine theatralische Pointen. ... Doch hat man im Jubiläumsjahr 2012 noch schmunzelnd Mozarts Musik zu Goldonis Geschichte gelauscht, bleibt einem heuer das Lachen im Halse stecken. Peter Bauer greift eine Oper wieder auf, die bereits vor 19 Jahren auf dem Konstanzer Spielplan stand: Leoncavallos "I Pagliacci", der "Bajazzo", bei dem man unweigerlich an riesenhafte Besetzungen und Pavarottis Best-off-CD denkt. Kaum eine Oper jedenfalls scheint auf den ersten Blick ungeeigneter für ein Kammerspiel. Den musikalischen Leiter hat das nicht abgehalten. Er setzte den Komponisten Martin Derungs auf die Partitur an. Und Derungs Fassung zeigt, was Instrumentierung ausrichten kann. ... Die Farbigkeit des Ensembleklanges zum Beispiel, die leichte Verfremdung, filigraner Charme statt großem Volumen, - durchaus mit Reminiszenzen an italienische Folklore. Man hört und staunt immer wieder.
Zur Reduktion im Orchestergraben fügt sich die Neuinszenierung, für die Nada Kokotovic zeichnet. Vor schlichtem Bühnenbild (Jochen Diederichs) lässt sie dem menschlichen Drama seinen Lauf. Bunte Fasnachtsromantik bleibt dabei außen vor; wer einen Bajazzo mit hohem weißen Hut und Clownskostüm erwartet, hofft vergebens (Kostüme: Joanna Rybacka). Es geht um menschliche Abgründe, ein Ehedrama unter der Lupe.
Den jungen, international besetzten Sängern verlangt Kokotovic dadurch eine enorme schauspielerische Leistung ab. Sie bestehen, spielen sich um Kopf und Kragen und bieten gesanglich mehr als solide Vorstellungen: Lemuel Cuento kraftvoll in der Titelrolle, Cecilia Berglund mit klar und leicht geführtem Sopran als Nedda, Nuno de Pereira als riesenhafter Tonio mit Volumen auch in der Tiefe, Lèon de la Guardia als charmanter Peppe und Gustavo Zahnstecher schmelzend als Silvio; nicht zu vergessen die acht Choristen, die immer wieder die Szene in jugendlicher Frische beleben.

2014 Südkurier (Nina)

Wahnsinn. Darum geht es in Giovanni Paisiellos Oper „Nina“. Die Titelfigur verkraftet den vermeintlichen Tod ihres Liebhabers nicht und fällt in einen Zustand geistiger Umnachtung. Und noch mal Wahnsinn: Was da auf der Bühne der Konstanzer Kammeroper erklingt, lässt das Herz höher schlagen. Ein Top-Ensemble mit fünf Solisten, eine besser als der andere, hat Peter Bauer für seine diesjährige Rathausopern-Produktion zusammengestellt. Ein stimmigeres, weil homogenes und auf gleichmäßig hohem Niveau singspielendes Ensemble hat es zuvor vielleicht nur selten gegeben. … Doppelter Wahnsinn also. Zumal Peter Bauer am Pult des Kammerorchesters von Anfang an einen passenden, leichtfüßigen Ton anschlägt und frische Tempi wählt. ….
So arm die Handlung,. So reich ist die Musik. Besonders Ninas Szenen sind voller Raffinesse. Ihre Stimmungsschwankungen zwischen Bangen und Hoffen, zwischen hochfliegendem Dur und depressivem Moll, setzt Paisello in einer entsprechenden „bipolaren“ Musik um …
Insgesamt also ein lohnender Jahrgang in der Rathausoperngeschichte – egal ob die Aufführung, wie bei der Premiere, wegen Regen und Kälte in die Spiegelhalle verlegt werden muss oder im lauschigen Rathausinnenhof stattfinden kann.
Elisabeth Schwind

2015 Südkurier (DIE KLUGE)

…Nun also Carl Orffs "Die Kluge" in schöner kammermusikalischer Besetzung im Renaissance-Innenhof. Der Turm, in den ein selbstgerechter König den naiven Bauern gesperrt hat, ist von dieser „Naturkulisse“ schon vorgegeben, und Jochen Diederichs hat sich in der Gestaltung der Bühne um den Rest gekümmert. … Schön ist dies schon anzusehen, bevor sich die Lichttechnik weiter um die Rahmenbedingungen kümmert oder die beiden roten Schals als Insignien der Macht – und man ist versucht zu sagen: auch eine aufkeimenden Liebe – von den Wänden des historischen Konstanzer Rathauses herabgelassen werden. …
Peter Bauer hat eine Fassung für 15 Soloinstrumente geschrieben, die so konzentriert ist wie die gesamte Aufführung im intimen Rahmen des Rathausinnenhofes…
Nach dem kraftvoll-komischen Bass-Auftakt des Bauern (Josef Pepper) ist man fast erstaunt, wie weich Marcello de Souza Felix als König mit seinem Bariton einsetzt. Kann man einem König mit solch einer Stimme ernsthaft hadern? Ja, denn mit den Parlando-Passagen erhält diese Stimme auch ihre raueren Konturen…
Orff hält es ein wenig mit Shakespeare, indem er zu munteren Zwischenspielen eine Gaunertruppe einführt, die dem Besitzer eines Esels (Hans-Jürgen Schöpflin verleiht ihm seinen geschmeidigen Tenor) übel mitspielt. Zugegeben, man hat seinen Spaß dabei, zumal die Partien der drei Strolche (Emanuel Heitz, Lorenzo de Cunzo und Bernd Gebhard) von Orff mit schönem Ensemblegesang bedacht werden, dem man noch länger hätte lauschen können (und dem Publikum auch einen besonderen Applaus wert war). …
Insgesamt eine erfrischende, musikalisch inspirierte Aufführung…
(Brigitte Elsner-Heller)

2016 Südkurier (Orlando)

…… „Orlando furioso“, der „rasende Roland“ gehört zu den beliebtesten Stoffen der Barockoper.
Im Konstanzer Rathaushof ist nun Händels Bearbeitung des Stoffes zu erleben. Unter freiem Himmel vor der im Renaissancestil dekorierten Fassade ringen Männer und Frauen um die Liebe: Orlando (Georg Assenji Bochow) begehrt Angelica (Jelena Stefanic). Angelica aber nimmt lieber Medoro (Alexandra Paulmichl). Den wiederum hätte gerne Dorinda (Andrea Suter). Nur Zoroastro (Daniel Dropulja) beteiligt sich nicht an diesen Liebeshändeln: Er schaut zu und genießt, wo andere leiden.
Begleitet von Händels dekorativer, mitunter geradezu in Schönheit erstarrender Musik könnte dies in eine harmlos museale Klamotte münden – zumal der musikalische Leiter Peter Bauer im Vorfeld versprochen hatte, „zwanghafte Aktualisierungen“ tunlichst zu vermeiden. Umso überraschender das Ergebnis. Indem Regisseurin Nada Kokotovic das mittelalterliche Liebeswerben in die Beziehungskisten der heutigen Yuppie-Generation umdeutet, deckt sie einen so aktuellen wie sonderbaren Umstand auf. So laut und beharrlich in diesem Stück von Liebe gesungen wird: Wirklich zu lieben vermag hier niemand. …
Zu dieser wunderbar bissigen, vollauf überzeugenden Inszenierung kommt eine glückliche musikalische Interpretation. Countertenor Georg Arssenji Bochow offenbart in Orlandos Arien eine Zerbrechlichkeit ohne jeden Anflug von Schwächlichkeit. Jelena Stefanic verleiht Angelica eine dunkle Grundierung und damit eine bisweilen dämonische Anmutung. Großartig ist vor allem Andrea Suter mit schlanker, aber kraftvoller Tongebung und feinsinniger Ironie. Das Orchester unter der Leitung von Peter Bauer überzeugt mit präziser Intonation und transparentem Spiel.
So schön die Liebe auch sei, lautet das Fazit des Zoroastro: Am Ende stifte sie doch nur Verwirrung. Und keiner der vier Verwirrten mag ihmn wiedersprechen. Dabei haben sie das mit der Liebe noch gar nicht ausprobiert.
Johannes Bruggaier

2017 St. Galler Tagblatt (ARIADNE)

Die Kammeroper im Rathaushof Konstanz präsentierte zwei miteinander verwobene kleine Opern von Martinu und Milhaud.
…Intim und psychologisch genau wird der bekannte Mythos musikalisch und gesanglich ausgeleuchtet. Filigran und fast holzschnittartig, immer genau konturiert sind die Szenen. Das ist sehr suggestive Musik, die das schlank besetzte Orchester unter Peter Bauer
mit Hingabe und liebevoll gestaltet. Hier ist die Oper nie pompös, sondern sensibel umgesetzt.
Martinus Oper dauert nicht einmal eine Stunde. Die Inszenierung (Alexander Irmer) tut einen guten Kunstgriff und verwebt die tschechische Ariadne mit einer französischen. Die ist von Darius Milhaud und dauert nur zehn Minuten. Das Holzschnittartige von Martinu wird mit mehr impressionistisch Gefärbtem vermischt, kommentiert, gebrochen. …
Mit leichter Hand wird erzählt, fast ein wenig sommerlich-märchenhaft. Der Inszenierung gelingt es, das Miniaturhafte der Musik in luftige Bilder umzusetzen. Da verknüpfen sich zwei Liebesgeschichten, da wird Träumerisches, mythologisch Schwebendes, zum Element eines spannenden Opernabends.
Im Zentrum steht sängerisch natürlich Ana Kovacevic, die der Ariadne große Präsenz und Ausstrahlung verleiht und die Figur in ihren vielen Facetten glaubhaft macht. Ihr klare und in allen Lagen austarierte Stimme gibt dem Abend den sicheren roten Faden durch beide Opern. Theseus und Minotaurus geben Attila Mokus und Gustavo Castillo-Estrada mit kräftig einnehmender stimmlicher Sicherheit. Lena Spohn als Phädra überzeugt als der lyrisch empfundene Gegenpart zu Ariadne. Kevin Dickmann ist an diesem besonderen Opernabend vielleicht die männlichste Figur, die sich – klar, hell und deutlich – am direktesten in die Herzen des Publikums singt: als alter Mann, der die beiden Opern mit Texten von Ovid und Salvatore Quasimodo verzahnt, und als liebender Dionysos. Zwei Kurzopern zu verknüpfen kann heikel sein. In Konstanz ist es gelungen. …
Martin Preiser